Berliner Zeitung, 7 August 2002

Im Ausnahmezustand

Die Sender fiebern dem Kanzlerduellen entgegen. Die Zuschauer auch?

Das Duell wird das TV-Ereignis des Jahres, da sind sich alle Beteiligten sicher. Erstmals vor einer Bundestagswahl stehen sich Kanzler und Herausforderer live im Fernsehen gegenüber. Für SPD-Amtsinhaber Schröder und Unionskandidat Stoiber könnten es die wichtigsten Stunden ihrer Laufbahn werden, wenn zunächst am 25. August RTL und Sat 1 und anschließend am 8. September ARD und ZDF die beiden Bewerber zum Zwiegespräch bitten: Zweimal 75 Minuten, akribisch vorbereitet von den Wahlkampfmanagern der Parteien.

Doch nicht nur bei den Politikern herrscht gespannte Aufregung, auch die Sender befinden sich in einer Art Ausnahmezustand: Öffentlich-Rechtliche und Private wollen sich beim Duell des Jahres als kompetente Politikberichterstatter profilieren. Dabei ist noch völlig offen, auf welche Zuschauerresonanz die zwei Live-Sendungen stoßen werden. Die Sender gehen zwar davon aus, dass die Aufmerksamkeit hoch sein wird, aber genaue Prognosen wagt niemand. “Die Quote kann man nicht absehen”, sagt Matthias Schwarz, Sprecher von RTL. “Es gibt keine Erfahrungswerte oder Vergleichszahlen.” Auch bei den anderen Sendern sind die Schätzungen vorsichtig. Wolfgang Darschin, Leiter der ARD-Medienforschung, geht von einer Einschaltquote wie bei Polittalks, etwa “Christiansen”, aus. Das sind ungefähr fünf Millionen. Die Gesamtzuschauerzahl könnte zwar durch die zeitgleiche Sendung auf zwei Kanälen noch zunehmen. Doch niemand weiß, ob und wie sehr die vergleichsweise starre Dramaturgie des TV-Duells die Zuschauer in ihren Bann schlagen wird. “Da kann die Neugier schnell abflachen”, sagt Darschin.

Wie vorsichtig die Sender das Interesse der Zuschauer kalkulieren, lässt sich an den Werbepreisen der Privatsender ablesen. In den Blöcken vor und nach dem Duell – während der Diskussion darf keine Werbung geschaltet werden – kostet der 30-sekündige Spot etwa 20 000 Euro, so viel wie bei der Gefängnisserie “Hinter Gittern”. Kein Vergleich zu Quotenhits wie der Formel 1, wo die Preise in die Hunderttausend gehen. Schwierig wird die Vorhersage der Sender-Quoten auch deshalb, weil die TV-Duelle parallel auf zwei Sendern übertragen werden. Wenn auf zwei Kanälen das gleiche Programm läuft, welchen werden die Zuschauer dann einschalten? Darschin geht davon aus, dass dabei ZDF und Sat 1 Nachteile haben: Auf der Belegung der Fernbedienung liegen beide Sender hinter ihrem Übertragungspartner ARD beziehungsweise RTL. Doch beim Kanzlerduell geht es eben nicht nur um Geld, sondern auch um die Ehre: “Das Fernsehduell zu übertragen ist kein Quotenwettbewerb”, sagt Kristina Faßler, Pressesprecherin von Sat 1, “sondern eine Prestigefrage.”

Am Übertragungstag ist das jeweilige Programm völlig auf das Duell ausgerichtet. Es gibt zahlreiche Vor- und Nachbereitungssendungen, Analysen und Zusammenfassungen. Ist die Konkurrenz an der Reihe, setzt man bei allen Sendern auf Kontrastprogramm: Bei der ARD gibt es einen SWR-“Tatort” vom vergangenen Jahr, das ZDF sendet eine “Traumschiff”-Folge von 1994. RTL bringt den Fantasyfilm “Jagd auf den Schatz der Riesen”, Sat 1 zeigt “Eine Klasse für sich” mit Tom Hanks. Kristina Faßler zufolge hat man mit Absicht ein schwaches Format auf diesen Tag gelegt. “Wir wollen keinen Streit in der Familie entfachen, weil der Vater das Duell und die Mutter den tollen Film auf einem anderen Programm sehen will.” Die Öffentlich-Rechtlichen widmen dem Duell auf RTL und Sat 1 jeweils eine Sendung um 21.45 Uhr. Bei den Privaten wird das Konkurrenz-Duell indes ignoriert: “Wir wollen am 8. September mit unserem Film mehr Zuschauer bekommen als ARD und ZDF mit dem Kanzlerduell”, sagt Schwarz. Wahrscheinlich ist das sogar einfacher als vermutet. Experten zweifeln an der politischen Aussagekraft der Duelle. Der Zuschauer träfe dann womöglich seine erste Wahlentscheidung bereits an diesem Abend – mittels Fernbedienung.

Während des ersten Kanzlerduells in RTL und Sat 1 am 25. 8. zeigt die ARD eine “Tatort”-Wiederholung mit Ulrike Folkerts. Um 21. 45 Uhr analysiert Sabine Christiansen das Duell. Das ZDF setzt ebenfalls eine Wiederholung ein: das “Traumschiff” aus dem Jahr 1994. Danach geben Bodo H. Hauser und Ulrich Kienzle ihren Kommentar zum Duell. Beim zweiten Duell in ARD und ZDF strahlt RTL parallel den neuen Fantasyfilm “Jagd auf den Schatz der Riesen” aus. Sat 1 zeigt den Tom Hanks-Films “Eine Klasse für sich”. Eine Berichterstattung über das TV-Duell auf ARD/ZDF gibt es bei den Privaten nicht. Foto: ZDF Während RTL und Sat 1 das Duell übertragen, zeigt das ZDF eine alte “Traumschiff”-Folge mit Hannelore Elsner.

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