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Englands Hochschulen laufen Studenten davon  

Im fünften Jahr der Finanzkrise- und Wirtschaftskrise zeigt sich: Staatliche Kürzungen an Hochschulen lassen sich nur bis zu einem gewissen Grad über Studiengebühren kompensieren. An britischen Universitäten ist nach der Erhöhung der Studienbeiträge im vergangenen Jahr die Zahl der Erstsemester um 7,7 Prozent gesunken. Kreist über den Hochschulen jetzt der Pleitegeier?  

In Großbritannien wird seit der Finanzkrise vor fünf Jahren gespart und die Universitäten müssen mithelfen. Das bekräftigte George Osborne im März. Der Schatzkanzler von Premierminister David Cameron sagte bei der Überprüfung des Haushaltes für 2013 vor dem Parlament, die Reformen in der Bildungspolitik seien „auf lange Sicht die wichtigste wirtschaftspolitische Maßnahme“ der Regierung. Das ist politische Rhetorik. Denn der Kern der Reform liegt im Rückzug des Staates.

Sally Hunt, Generalsekretärin der Gewerkschaft UCU (University and College Union) bezeichnete Osbornes Rede als „warme Worte“. Tatsächlich seien die Universitäten Opfer seiner Sparmaßnahmen. Und die sind drastisch. Statt der direkten Finanzierung der Lehre aus Steuermitteln – die durch den Higher Education Funding Council for England (HEFCE) verteilt werden – sollen die Studenten das Geld in die Unis bringen. Das HEFCE-Budget wird bis 2014 um 3,42 Milliarden Euro gekürzt. Das ist ein Minus von 40 Prozent. Die Unis dürfen das seit Oktober 2012 mit jährlichen Studiengebühren von bis zu 10 600 Euro ausgleichen. Zuvor lag die Obergrenze bei 3875 Euro. Um den Verlust öffentlicher Mittel aufzufangen, nahmen 87 der 123 englischen Unis den vollen Betrag.

Die Befürchtung ist groß, dass durch die neue Hochschulfinanzierung Studenten vom Studium abgeschreckt werden. Dann könnten manche Hochschulen womöglich die Budgetkürzungen des Staates nicht durch die Gebühren ausgleichen. „Es ist enttäuschend, dass das Finanzministerium den Hochschulsektor immer noch als Kostenfaktor sieht und nicht als Investition in die Zukunft“, sagt Pam Tatlow, Geschäftsführerin des Uni-Verbands „million+“. Wendy Piatt, Generaldirektorin der „Russell Group“, des Verbands der Top-Unis, sieht die Situation weniger kritisch: „Hochschulabsolventen haben finanzielle Vorteile durch ihren Abschluss, deshalb sind höhere Studiengebühren die einzige mögliche und faire Lösung, um die Kürzung der öffentlichen Finanzierung auszugleichen.“

Diese Rechnung geht jedoch nur auf, wenn die Studentenzahlen gleich bleiben. Bereits im Jahr vor der Erhöhung der Studiengebühren fiel die Zahl der Erstsemester an britischen Universitäten um zwölf Prozent. Im Jahr 2012 sanken die Zahlen insgesamt um 7,7 Prozent. Einzelne Institutionen mussten dramatische Einbußen hinnehmen. An der University of Bolton brach die Studierendenzahl um 25 Prozent ein, an der Leeds Metropolitan University um 23 Prozent. Die Zahl der Teilzeitstudenten ist in ganz England stark gefallen: seit 2010 um 40 Prozent. In diesem Jahr rechnen die Unis mit einem Rückgang von 14 Prozent. Akutell schreiben sich jedoch wieder viele junge Menschen ein (siehe Interview).

Großbritannien ist laut OECD nach den USA weltweit das beliebteste Land für Studenten. Im Jahr 2010 kamen 16 Prozent aller Studenten in Großbritannien aus dem Ausland. Für die Unis sind sie enorm wichtig, weil sie von ihnen weit über die Obergrenze hinaus Gebühren verlangen können. Studenten aus Asien oder Australien zahlen mitunter das Dreifache der Heimatstudenten. Neben den hohen Kosten ist das harte Durchgreifen der Regierung in der Einwanderungspolitik kontraproduktiv für die Unis. Weil aus Sicht des Innenministeriums zu viele Studenten entweder gar nicht studieren oder keine gültige Aufenthaltsgenehmigung haben, griff die Behörde im August vergangenen Jahres durch und entzog der London Metropolitan University das Recht, Nicht-EU-Ausländer zu rekrutieren. Die Unileitung führte darauf eine strenge Überwachung ein. Im April erhielt sie ihre Lizenz zurück. Doch ihr Ruf ist ruiniert. Im vergangenen Jahr brach die Zahl der Erstsemester um 43 Prozent ein, ein landesweiter Negativrekord. Der Fall der London Met hat den britischen Hochschulsektor verunsichert. Die harte Haltung der Regierung hat den Zulauf von Nicht-EU-Studenten seither deutlich gesenkt.

Um die Verunsicherung bei Hochschulen und Studenten nicht zu steigern, hielt die zentrale Stelle für die Vergabe von Studienplätzen UCAS (Universities and Colleges Admissions Service, siehe duz EUROPA 05/2012) in diesem Jahr die aktuellen Studentenzahlen zurück. Normalerweise nennt sie sie immer im Januar. Begründung: Sie wolle „potenzielle Verwerfungen bei Angebot und Nachfrage“ verhindern. Denn wo weniger studieren, da ist auch weniger Geld. Die Bewerber erfuhren somit nicht, ob ihre Hochschule kurz vor der Pleite steht.

Die Angst vor der Pleite ganzer Unis vertrieb der HEFCE im März: Keine Uni stehe vor der Insolvenz, hieß es. Allerdings sei mit weiteren Kürzungen zu rechnen. Zudem kündigte Wissenschaftsminister David Willets an, dass die Studiengebühren bis 2015 nicht weiter steigen dürfen. Damit steigen die Einnahmen der englischen Unis nur spärlich: Im vergangenen Jahr nur um 1,5 Prozent auf 27,5 Milliarden Euro. Da dieser Zuwachs unter dem Inflationsniveau liegt, bezeichnete der HEFCE die Zahlen als „die erste effektive Reduzierung der Einnahmen“ seit Beginn der Statistik vor 19 Jahren.

Die Hochschulen sparen bereits seit der weltweiten Finanzkrise im Jahr 2008 beim größten Kostenfaktor: dem Personal.  „Dank der Einsparungen durch die Regierung”, sagt Sally Hunt von der UCU, „haben die Universitäten tatsächlich weniger Geld und schlechtere Jahre stehen bevor.” Die Debatte um das Für und Wider des staatlichen Rückzuges aus der Hochschulfinanzierung ist längst nicht zu Ende. Pam Tatlow vom Verband „million+“ ist sicher, dass die Hochschulfinanzierung vor den nächsten Parlamentswahlen in zwei Jahren zentrales Thema sein wird.

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